Reinheit, die schmeckt

Traditionsbewusst, aber dennoch innovativ gibt sich Brandenburg beim Bier. Aus dem Zapfhahn oder originellen Flaschen fließt der Gerstensaft der meist kleinen Brauereien. Oft als Getränk in ungewohnter Komposition oder Geschmacksrichtung, mit fantasievoller Bezeichnung. Aber generell nach dem Reinheitsgebot, das vor genau 500 Jahren verkündet wurde.

Wie das Bier im Sommer und Winter auf dem Land ausgeschenkt und gebraut werden soll…“, das verordneten am Georgitag, dem 23. April 1516, die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Heinrich X. Ihre Order, eine Maß Bier habe nicht mehr als einen Pfennig zu kosten, war leider nur von kurzer Dauer. Bis heute gültig blieb jedoch, dass „allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen.“ Dieses vorausschauende Gebot bestimmt seit einem halben Jahrtausend, ob ein Bier oder nur ein bierhaltiges Getränk ins Glas strömt. Allerdings ging man mit der Zeit, und so darf heute ein Bier zum Beispiel auch mit Weizen gebraut werden. Manchmal darf sogar ein „Quäntchen Zucker“ im Spiel sein. Speziell gestattet wurde dies laut Urteil vom Bundesverwaltungsgericht dem „Schwarzen Abt“ der Klosterbrauerei Neuzelle.

Der Erfolg machte erfinderisch – und heute erfreut der traditionsreiche Brandenburger Produzent seine Kunden mit allerlei originellen Schöpfungen. Gut 40 unverwechselbare Biere gehören zum Sortiment. Ihnen werden erst nach dem Brauprozess natürliche Geschmacksstoffe zugesetzt. Vom Anti-Aging Bier (mit Algen) über Badebier, Apfel- und Kirschbier bis zum Spargelbier reicht die Auswahl. Für die Freunde vom Alten Fritz gibt es seit seinem 300. Geburtstag eine eigene Edition. Bereits 1589 wird in Neuzelle gebraut – Neues nach Reinheitsgebot kommt 2016 mit Garantie.

Ein altehrwürdiger Standort ist auch Fürstlich-Drehna. Bis in die Zeiten von Friedrich II. reicht die Geschichte vom Schlossbräu zurück. Göttlich mundet der „Odin-Trunk“, für den das Vollbier mit echtem Bienenhonig angereichert wird. Aromatisch süß im Geschmack und goldgelb in der Farbe kommt es daher, wohl wie das Met der alten Germanen. Von allen fruchtigen Biermischgetränken hat besonders der „Original Potsdamer“ sich einen Namen gemacht, mit leichten Vanille- und ausgesprochenen Himbeernoten und nur wenig Alkoholgehalt.
Eine feine Hopfennote ist charakteristisch für das Premium Pils. Handwerkliche Braukunst, regionale Zutaten und eine nachhaltige, klimaneutrale Produktion zeichnen die 1745 gegründete Brauerei aus, und so ist es nur konsequent, wenn sie sich auch der Slowfood-Bewegung verbunden sieht. Stolz ist die Spreewälder Privatbrauerei auf das „1788“ im Namen, denn schon seit dieser Zeit besteht in Schlepzig am grünen Strand der Spree das Brenn-, Brau- und Schankrecht. „Spreelator“ und andere Biere stimmen ein auf eine feucht-fröhliche Fahrt mit dem Spreewaldkahn. Genießen kann man es frisch gezapft im Landgasthof, in dem fröhliche Zecher auch ihr Haupt betten können.Lange bevor Craft Beer populär wurde, braute man in Brandenburg in kleinen Brauereien Biere, die sich durch ihren eigenen Charakter von der Masse abheben.

Die Braumanufaktur Templin, die seit 2003 ihre naturbelassenen, unfiltrierten Bio-Biere herstellt, zählt fast noch als Neuling zwischen all den Brauhäusern, deren Geschichte schon Jahrhunderte zurückreicht. Kaum älter ist das Brauhaus in Finsterwalde, wo seit 1997 unfiltrierte und naturbelassene Biere aus dem Zapfhahn fließen, darunter ungewöhnliche Kreationen wie das Rauchbier oder das mit torfgeräuchertem Malz gebraute Whiskey-Ale. Sein Hobby zum Beru gemacht hat Eckard Brennecke, der seit 2009 am Hafen von Wriezen im Oderbruch sein Kalkofenbier ausschenkt. Für Zuhause kann man es auch in originellen 2-Liter-Flaschen mit Schnappverschluss erhalten. Deren Form erinnert an die Türme der Kalköfen hinter der kleinen Hausbrauerei.

Das Bier von hier

Trotz des bundesweit rückläufigen Bierkonsums können sich viele kleinere Brauereien im Land wegen einer steigenden Nachfrage bei regionalen Bieren über starke Wachstumsraten freuen. In Brandenburg gibt es knapp zwei Dutzend kleine Brauereien mit einer Produktion zwischen 500 und 5000 Hektolitern pro Jahr – die Zahl steigt kontinuierlich an. Insgesamt elf kleine Brauereien haben sich im Verein der Brandenburger Klein- und Gasthausbrauereien zusammengeschlossen. Dieser veranstaltet unter anderem das Brandenburger Brauereitreffen, bei dem sich die lokalen Produzenten präsentieren. 2015 wurde erstmals eine Bierkönigin gewählt. Und 2016 soll die Brandenburgische Bierstraße aus der Taufe gehoben werden.
www.brandenburger-kleinbrauereien.de

Von der Milch zum Gerstensaft

Ende des 18. Jahrhunderts ließ Friedrich Wilhelm II. die Meierei im Neuen Garten am Potsdamer Jungfernsee erbauen. Im Kabinett genoss der König die Milch und konnte seine Kühe auf der Weide beobachten. Die Meierei wurde 1928 zur Ausflugsgaststätte umgebaut, im Krieg zerstört und lag danach als Ruine jahrzehntelang im Niemandsland nahe der Grenze. Bis sie 2003 der Braumeister Jürgen Sokolowski aus dem Dornröschenschlaf wachküsste. Sie wurde zum Besuchermagnet auch dank des Biergartens in bester Lage. Aber vor allem wegen des Bierangebots, das alle vier Wochen wechselt.

Die neue Vielfalt

Auf Norddeutschlands ältester und größter Wasserburg braut Burgherr René Gunther seit Mai 2014. Vier Biere können Besucher nun im romantischen Innenhof der Plattenburg in der Prignitz genießen, darunter „Schwarze Magd“ und „Schwarzer Vogt“, die beiden dunklen mit und ohne Honig. Sie schmecken so, als wären sie schon immer auf der Burg im Ausschank. Im gleichen Jahr startete auch Rico Knorr vom „Prignitzer Hof“ in Pritzwalk. Er braut ein Helles und saisonal auch Hefe- sowie Holunderbier. Neu ist „Wolfsblut“, rötliches, traditionelles Festbier. Knorr liegt voll im Trend, wenn er meint „Meine Gäste freuen sich, ein typisches Bier der Region zu trinken.“