Wilde Nachbarn – Brandenburgs Tierwelt zwischen Geschichte und Gegenwart

„Die Eroberung der Natur war ein Pakt mit dem Teufel“, schreibt der britische Historiker David Blackbourn in seiner Geschichte der deutschen Landschaft. Wer heute durch Brandenburg wandert, bewegt sich durch eine Landschaft, die auf den ersten Blick still und manchmal unberührt erscheint – und doch voller Leben und Kultur ist. Zwischen Moor und Heide, Auwald und Schilfrand hausen Tiere, die anderswo längst verschwunden sind. Fischotter, Kranich, Seeadler oder der Wolf und die Wildkatze sind hier zu Hause. Auch Elche keine all zu seltenen Gäste, sondern Teil einer Tierwelt, die tief in der Geschichte des Landes verwurzelt ist.

Landschaften wie die Schorfheide-Chorin, einst kurfürstliches Jagdgebiet, sind heute UNESCO-Biosphärenreservate. Auch der Naturpark Hoher Fläming, die Flusslandschaft Elbe-Brandenburg und das Oderbruch, der Spreewald, die Niederlausitzer Heidelandschaft, das Rhinluch oder das NSG Unteres Odertal erzählen von Jahrhunderten der Wechselwirkung zwischen Wildbahn, Forstwirtschaft und Siedlungsgeschichte.

So entstanden Kultur- und Naturräume, die heute zu den artenreichsten im norddeutschen Tiefland zählen – und zu den sogenannten Nationalen Naturlandschaften, einem Netzwerk geschützter Gebiete, das Brandenburg besonders prägt – ob im Westhavelland, bei Nuthe-Nieplitz, im Hohen Fläming oder in der Märkischen Schweiz und den Dahme-Heideseen.

Nationale Naturlandschaften in Brandenburg

Die 15 Nationalen Naturlandschaften nehmen ein Drittel der Landesfläche ein und repräsentieren zusammen die unterschiedlichen Lebensräume und Landschaften Brandenburgs.

Tierwelt und Geschichte: Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Döberitzer Heide bei Dallgow-Döberitz: Wo einst königlich-preußische Soldaten, Reichswehr, Wehrmacht und Rote Armee das Terrain eines riesigen Truppenübungsplatzes beherrschten, schuf die Heinz Sielmann Stiftung seit dem Jahr 2004 einen Rückzugsraum für seltene Arten wie das Przewalski-Pferd und den Wisent. Besucher erleben hier Natur fast wie aus der Zeit vor der Industrialisierung – auf gut ausgebauten Rundwegen, bei geführten Rangertouren oder von Aussichtstürmen aus.

Auch im Seenland Oder-Spree – rund um den Scharmützelsee, den Spreewald und das Schlaubetal – sind Birdwatching-Touren längst kein Geheimtipp mehr für reisende Naturfreunde und Fährtensucher. Kraniche, Seeadler und Pirol lassen sich hier mit Geduld und Fernglas beobachten. Geführte Wanderungen vermitteln Wissen zur Artenvielfalt und zur historischen Kulturlandschaft, die hier stark von Teichwirtschaft und Flößerei geprägt war.

Neben großflächigen Schutzgebieten laden auch kleinere Tier- und Wildparks ein, Brandenburgs Fauna zu entdecken: Der Wildpark Schorfheide und der Wildpark Johannismühle, der Tierpark Kunsterspring bei Neuruppin oder die Biosphäre Potsdam verbinden Naturerlebnis mit Umweltbildung. Viele dieser Orte liegen auf ehemaligen Gutsflächen oder Militärarealen – Orte des Wandels, an denen Natur heute neue Bedeutung für die einheimische Lebenswelt der Tiere gewinnt.

Ob auf Wolfstouren im Lausitzer Seenland, bei der Vogelbeobachtung am Rambower Moor in der Prignitz oder im Dialog mit einem Ranger auf Tour im Unteren Odertal: Brandenburg bietet Reisenden eine Naturerfahrung, die Geschichte atmet. Wer durch Brandenburgs Naturlandschaften streift, begegnet nicht nur Tieren – sondern auch den Spuren der Vergangenheit. Und wer um den Wert der Schöpfung weiß, wer versucht, sie zu verstehen – und die Zusammenhänge seines eigenen Lebens zwischen Geschichte und Gegenwart begreifen möchte, wird achtsam mit der Natur umgehen – im Alltag wie auch auf Reisen.

„Wildes Brandenburg“ ist allemal eine Entdeckungsreise wert. Von Angelhaken und Geweihmasken – vorgeschichtlichen Funden aus Brandenburg – wird in einer Ausgabe der Zeitschrift DIE MARK ebenso berichtet wie „Vom märkischen Strauß und vom Artensterben in Brandenburg“. Jagdszenen mit Kurfürsten vor urwüchsiger märkischer Landschaft, wild jagende Nazi-Bonzen und Treibjagden feiernde SED-Apparatschiks tauchen auf – und die Leserinnen und Leser tauchen an anderer Stelle ein in die tierische Unterwasserwelt der Brandenburger Flüsse und Seen. Wölfe in Brandenburg – wie könnte es anders sein – werden vorgestellt und Migranten des Tierreichs – sogenannte Neozoen: Damhirsch, Singschwan und Waschbär, um nur einige zu nennen, werden besucht. Und nicht zuletzt wird versucht, die Frage zu beantworten, wie Bärentiere in die Wappen von Bernau und Berlin gelangten.