Vom wilden Sumpf zum Landurlaub
Warum der Spreewald seit über 150 Jahren Berliner verzaubert
Wer dem Spreewald begegnet, trifft auf mehr als nur eine Landschaft – er taucht ein in ein Geflecht aus Wasserwegen, Mythen und Erinnerungen. Die Geschichte des Reisens in dieser besonderen Region ist eng verknüpft mit Natur, Kultur – und mit einer gewissen literarischen Legende.
Aber wie wurde aus einem wilden, schwer zugänglichen Landstrich eines der beliebtesten Reiseziele Brandenburgs? Jahrhundertelang war diese Region nur ein geheimnisvolles Labyrinth aus Wasserarmen und undurchdringlichen Auenwäldern, das wenige Einheimische zu durchqueren wagten.

Mit 14 Millionen Übernachtungen allein im Jahr 2023 ist der Spreewald heute das beliebteste Urlaubsziel Brandenburgs. Das war nicht immer so. Noch im 19. Jh. erschien der Spreewald Ortsfremden als eine wilde und urwüchsige Landschaft, die „von der Spree vielarmig durchschnitten, bei hohem Wasserstande fast ganz überschwemmt wird“ – wie es in der Zeitschrift Gartenlaube 1859 hieß. Am eindrücklichsten hat wohl der einstmals durch Brandenburg wandernde Dichter Theodor Fontane diesen Landstrich beschrieben. Seine poetischen Schilderungen verhalfen dem Spreewald zur Berühmtheit.

Foto: Spreewald 20491© Peter Becker
1882 organisierte ein gewisser Paul Fahlisch, Lehrer, Heimatforscher und Ortschronist in Lübbenau, die erste touristische Fahrt von Berlin nach Lübbenau. Als Mitbegründer des Spreewald-Vereins widmete er sich der Förderung des Tourismus. Bis zur Jahrhundertwende war der Spreewald bereits ein beliebtes Reiseziel großstädtischer Ausflügler geworden. Es war gerade das Fremde dieser Landschaft, in der die Straßen aus Wasser und die Menschen wie aus einer anderen Zeit waren, was die Gäste aus der Metropole Berlin anlockte. Die ruhig dahingleitenden Fließe, schattenspendenden Wälder und beschaulichen Dörfer könnten keinen größeren Kontrast darstellen zur lauten, hektischen und modernen Millionenstadt Berlin.

Wer heute auf den Spuren Fontanes nach Lübbenau reist, auf dem „Gurkenradweg“ unterwegs ist oder zu einer Kanutour umsteigt und dabei den Spreewald erkundet, kann ganz ähnliche Erfahrungen machen. Es braucht dazu zum Beispiel den Platz in einem Spreewaldkahn oder in einem anderen wassergängigen Gefährt. Dann kann die Fahrt nach Lehde führen, in die „Lagunenstadt im Taschenformat“, wie es beim Dichter Fontane heißt, oder nach Leipe, einem Dorf im Herzen des Spreewalds, gelegen auf einer Sandbank, oder auf die versteckt in den Armen der Spree gelegene Insel Wotschofska, auf der ein malerisches, 1894 errichtetes Gasthaus zum Verweilen einlädt – alle diese Orte sind über ein weitverzweigtes Netz aus Wasserwegen zu erreichen.


Die historische Städte- und Kulturlandschaft dieser Region ist ebenfalls einen Besuch wert. Die Geburtsstadt des Spreewaldtourismus, Lübbenau, urkundlich erstmals 1300 erwähnt, ist seit 1899 Sitz des Spreewaldmuseums. Lübben, 1150 erstmals als „urbs lubin“ erwähnt, wacht seither über die Spree an ihrem Übergang vom Ober- in den Unterspreewald. Die dreischiffige spätgotische Hallenkirche am Marktplatz bestimmt das Stadtbild. Aber auch die nachgebaute slawische Burg Raddusch ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Die Stadt Vetschau gehört zu den ältesten Orten im Spreewald und beeindruckt mit ihrem um das Jahr 1540 erbauten Schlossensemble und der in Deutschland einzigartigen wendisch-deutschen Doppelkirche. In Burg, in Deutschlands größter Streugemeinde, können neben dem historischen Dorfkern die auf einzelnen Erhebungen, Kaupen genannt, verstreuten anmutigen Spreewaldhäuser besichtigt werden. Und auch den Unterspreewald sollten die Reisenden nicht außer Acht lassen! Eine andere, aber nicht weniger reizvolle Landschaft präsentiert sich hier etwas abseits der großen Touristenströme.

Es gibt viele weitere Spreewaldorte, die mit dem Boot, dem Fahrrad oder zu Fuß erkundet werden wollen; ebenso eine vielgestaltige Museumslandschaft und Kunstszene. Wie vor über 150 Jahren gibt es auch heute im Spreewald noch immer viel zu entdecken – und das lohnt sich nicht nur für einen Tagesausflug, sondern auch für mehrtägige Aufenthalte zu jeder Jahreszeit, denn alle sind außergewöhnlich reizvoll und viele besonders traditionsreich!
Das neue Heft der MARK BRANDENBURG ist dafür der perfekte Reisebegleiter. Hier lesen Sie unter anderem von Rudolf Virchow und der archäologischen Entdeckung des Spreewalds, werden eingeführt in die vielgestaltigen literarischen, mythischen und filmischen Abbilder dieser Region und können die Geschichte des Spreewaldtourismus, der sorbischen Sprache, des Kunsthandwerks oder der einzigartigen Wasserwirtschaft entdecken. Lernen Sie die vielen Gesichter des Spreewalds kennen und tauchen Sie ein in die Ursprünge, die Hintergründe und die Zukunft dieser historischen Landschaft.
